Von Dejan Maric, Luna MediCare

Ein Mensch ist gewaschen, angezogen und hat gegessen. Die vorgesehenen Aufgaben sind erledigt und dokumentiert. Aber hatte jemand Zeit, ihm zuzuhören? Konnte er sagen, was ihn beschäftigt? Wurden seine Wünsche berücksichtigt?
Für mich beginnt genau hier die Frage nach guter Pflege. Eine Versorgung kann auf dem Papier vollständig sein und trotzdem an dem vorbeigehen, was ein Mensch braucht. Pflegequalität zeigt sich auch darin, wie wir miteinander umgehen, ob wir persönliche Grenzen respektieren und wie viel Selbstbestimmung wir ermöglichen.
Das betrifft den Pflegeberuf insgesamt. Es beschäftigt mich ebenso mit Blick auf unsere ambulante Intensivpflege, die wir in München und im Münchner Südosten für unsere Patienten leisten. Menschen mit Pflegebedarf haben eine eigene Geschichte, Beziehungen, Gewohnheiten und Vorstellungen von ihrem Leben. Diese Persönlichkeit darf hinter den notwendigen Versorgungsaufgaben nicht verschwinden.
Eine Frage lässt mich deshalb nicht los
Im Jahr 2003 las ich in der Fachzeitschrift „Die Schwester/Der Pfleger“ einen Artikel, der mich sehr beeindruckt hat. Er beschrieb zugespitzt, was geschieht, wenn Zeitdruck und wirtschaftliche Vorgaben den Pflegealltag bestimmen und menschliche Bedürfnisse dabei immer weiter in den Hintergrund geraten.
Die Grundfrage dieses Textes begleitet mich bis heute: Wie viel Raum bleibt für Menschlichkeit, wenn Pflege vor allem danach organisiert wird, welche Tätigkeiten in welcher Zeit erledigt werden müssen?
Dass diese Frage schon vor mehr als zwanzig Jahren gestellt wurde, gibt mir zu denken. Es fehlt offensichtlich nicht daran, dass über die Probleme gesprochen wird. Entscheidend ist, welche Konsequenzen daraus folgen.
Ich möchte nicht, dass wir uns an Zustände gewöhnen, die wir eigentlich verändern müssten. Zeit für ein Gespräch, ein respektvoller Umgang und die Berücksichtigung persönlicher Wünsche dürfen keine glücklichen Ausnahmen sein.
Pflegequalität zeigt sich im Alltag
Wer Unterstützung benötigt, erlebt Pflege unmittelbar. Für diesen Menschen zählt, wie eine Pflegekraft das Zimmer betritt, ob sie erklärt, was sie vorhat, und ob sie eine Antwort abwartet. Es zählt, ob ein Wunsch ernst genommen oder aus Zeitdruck übergangen wird.
Solche Situationen mögen von außen klein erscheinen. Für die betroffene Person entscheiden sie darüber, ob sie sich als Mensch wahrgenommen fühlt.
Zuhören ist Teil der Aufgabe
Hinter einer Frage kann Unsicherheit stehen. Hinter einer ablehnenden Reaktion vielleicht Angst oder der Wunsch, etwas selbst zu entscheiden. Wer aufmerksam zuhört, kann besser verstehen, was sein Gegenüber gerade braucht.
Dafür muss im Pflegealltag Platz sein. Ein Mensch lässt sich nicht vollständig über eine Aufgabenliste erfassen. Seine Bedürfnisse können sich verändern, und nicht alles, was ihn beschäftigt, wird von allein ausgesprochen.
Für mich gehört es deshalb zu guter Pflege, nachzufragen und hinzusehen. Zuwendung darf nicht erst dann stattfinden, wenn alle anderen Arbeiten erledigt sind und zufällig noch Zeit übrig bleibt.
Selbstbestimmung bleibt auch bei hohem Pflegebedarf wichtig
Unterstützung anzunehmen bedeutet nicht, die Kontrolle über das eigene Leben abzugeben. Welche Kleidung jemand tragen möchte, welche Gewohnheiten wichtig sind oder was er selbst versuchen will, verdient Aufmerksamkeit.
Manchmal braucht es mehr Geduld, einen Menschen etwas selbst tun zu lassen, als eine Aufgabe für ihn zu übernehmen. Trotzdem kann gerade diese Geduld entscheidend sein. Sie lässt Raum für vorhandene Fähigkeiten und für das Gefühl, weiterhin selbst handeln zu können.
Eine Pflege, die den Menschen ernst nimmt, muss solche Unterschiede berücksichtigen. Ein schneller Ablauf ist für mich noch kein Beleg für gute Pflegequalität.
Pflegekräfte brauchen Bedingungen, die ihrem Beruf gerecht werden
An Pflegekräfte werden hohe Erwartungen gestellt. Sie sollen fachlich sicher arbeiten, aufmerksam bleiben, Verantwortung übernehmen und auch in schwierigen Situationen ruhig und zugewandt reagieren.
Diesen Anspruch unterstütze ich. Gleichzeitig müssen die Voraussetzungen dafür stimmen.
Wer seinen Beruf gewissenhaft ausüben möchte, braucht ausreichend Zeit für die anstehenden Aufgaben, verlässliche Absprachen und Unterstützung im Team. Engagement allein kann fehlende Möglichkeiten nicht dauerhaft ausgleichen.
Besonders belastend ist der Widerspruch zwischen dem eigenen fachlichen Anspruch und dem, was unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich möglich ist. Eine Pflegekraft kann erkennen, dass jemand mehr Aufmerksamkeit benötigt, und gleichzeitig unter Druck stehen, bereits die nächste Aufgabe zu beginnen.
Diesen Konflikt dürfen wir nicht zur persönlichen Verantwortung der einzelnen Mitarbeitenden erklären. Er gehört in die Diskussion über Organisation, Finanzierung und die politischen Rahmenbedingungen der Pflege.
Wertschätzung muss mehr sein als ein Dankeschön
Anerkennung für den Pflegeberuf ist wichtig. Sie muss sich jedoch im Arbeitsalltag zeigen.
Dazu gehört, Belastungen ernst zu nehmen und fachliche Hinweise anzuhören. Mitarbeitende müssen sagen können, wenn eine Planung nicht zum tatsächlichen Pflegebedarf passt. Sie dürfen nicht darauf reduziert werden, Schwierigkeiten durch zusätzliche Anstrengung irgendwie aufzufangen.
Auch gegenseitige Unterstützung braucht Raum. Wenn jede Minute verplant ist, werden Austausch und Zusammenarbeit schnell zu etwas, das nebenbei stattfinden soll. Dabei gehören verlässliche Absprachen zu einer verantwortungsvollen Versorgung.
Für mich bedeutet Wertschätzung deshalb auch, Pflegekräften zuzuhören und ihre Erfahrung in Entscheidungen einzubeziehen.
Wirtschaftliche Planung muss sich am Menschen messen lassen
Natürlich muss ein Pflegedienst wirtschaftlich arbeiten. Personal, Organisation und Versorgung müssen finanziert werden. Doch eine Planung ist nicht allein deshalb gut, weil die Zahlen stimmen.
Entscheidend ist auch, was sie im Alltag bedeutet. Reicht die vorgesehene Zeit für die benötigte Unterstützung? Können persönliche Bedürfnisse berücksichtigt werden? Ist die Arbeit für die Mitarbeitenden dauerhaft zu bewältigen?
Wenn Einsparungen dazu führen, dass notwendige Aufmerksamkeit verloren geht, muss das offen benannt werden. Es genügt nicht, darauf zu verweisen, dass der Dienstplan weiterhin besetzt ist.
Ich halte es für falsch, menschliche Zuwendung wie einen verzichtbaren Zusatz zu behandeln. Sie gehört zu dem Anspruch, den wir an Pflege stellen – und den wir vermutlich sofort einfordern würden, wenn es um unsere eigenen Angehörigen geht.
Ambulante Intensivpflege in München: Versorgung ist Teil eines Lebens
Bei Luna MediCare ist diese Haltung für mich eng mit dem Anspruch an ambulante Intensivpflege in München und im Münchner Südosten verbunden.
Auch Menschen mit umfangreichem Unterstützungsbedarf haben Interessen, persönliche Ziele und den Wunsch nach einem möglichst selbstbestimmten Alltag. Die Versorgung muss diese Lebenswirklichkeit berücksichtigen.
Gerade in der außerklinischen Intensivpflege kommen Pflegekräfte dem privaten Alltag eines Menschen sehr nahe. Umso wichtiger sind Respekt vor persönlichen Grenzen, verständliche Absprachen und ein aufmerksamer Umgang mit vertrauten Gewohnheiten.
Individuelle Pflegebegleitung sollte sich deshalb auch damit beschäftigen, was einem Menschen Lebensqualität bedeutet. Das kann Zeit mit Angehörigen sein, die Beschäftigung mit einem persönlichen Interesse oder die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Für mich gehören fachliche Versorgung und dieser Blick auf den Menschen zusammen. Pflege soll das Leben unterstützen und Raum für die Person lassen, die sie benötigt.
Warum ich die weitere Entwicklung mit Sorge betrachte
Aus meiner Sicht haben politische Entscheidungen und die damit verbundenen Rahmenbedingungen die Situation in der Pflege über die Jahre weiter erschwert. Auch mit Blick auf den 1. Januar 2027 befürchte ich eine weitere Verschlechterung der Versorgungssituation.
Mich beschäftigt dabei besonders der Abstand zwischen öffentlicher Darstellung und dem, was Betroffene im Alltag erleben. Gerade im Fernsehen erscheint mir das Bild der Pflege häufig positiver, als es die Erfahrungen von Menschen mit Pflegebedarf, Angehörigen und Pflegekräften vermuten lassen.
Ich wünsche mir eine ehrliche Auseinandersetzung. Gute Beispiele sollen sichtbar sein. Schwierigkeiten dürfen deshalb aber nicht ausgeblendet werden.
Wer über Pflege entscheidet, muss auch diejenigen anhören, die täglich auf Unterstützung angewiesen sind oder diese Unterstützung leisten. Ihre Erfahrungen gehören in die Debatte über die Zukunft des Pflegeberufs.
Welche Pflege würden wir uns selbst wünschen?
Diese Frage sollten wir uns stellen, bevor wir persönlich auf Hilfe angewiesen sind.
Würden wir uns damit zufriedengeben, dass alle vorgesehenen Tätigkeiten erledigt wurden, obwohl niemand unsere Sorgen angehört hat? Würden wir akzeptieren, dass unsere Wünsche grundsätzlich hinter einem engen Zeitplan zurückstehen?
Ich wünsche mir eine Pflege, in der fachliche Kompetenz und Menschlichkeit zusammenkommen. Eine Pflege, die aufmerksam ist, verständlich erklärt und eigene Entscheidungen respektiert. Und Arbeitsbedingungen, unter denen Pflegekräfte diesem Anspruch gerecht werden können.
Der Gedanke, der mich seit 2003 begleitet, hat für mich nichts an Bedeutung verloren: Hinter jeder Versorgung steht ein Mensch. Seine Würde darf im Pflegealltag nicht auf der Strecke bleiben.
© Bildnachweis zum Beitragsbild: KI-generiertes Symbolbild. Die dort dargestellten Personen sind keine tatsächlichen Patienten oder Mitarbeitenden von Luna MediCare.

